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Herzlich willkommen.

Ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind und dass Sie sich Zeit genommen haben, diese Ausstellung zu besuchen. Zeit ist in diesem Zusammenhang kein nebensächliches Wort. Denn um Zeit geht es hier – und um Aufmerksamkeit. Bevor ich etwas zu den Arbeiten sage, möchte ich ganz bewusst sagen, was ich heute nicht tun werde. Ich werde nichts erklären im Sinne von: Das bedeutet dies. Das steht für jenes. Ich werde nichts über Werdegänge erzählen, nichts über Auszeichnungen, nichts über kunsthistorische Einordnungen. Nicht, weil das unwichtig wäre. Sondern weil diese Arbeiten etwas anderes brauchen. Sie brauchen keine Erklärung. Sie brauchen Begegnung. Diese Ausstellung lebt von einem Gedanken, der beide Künstlerinnen verbindet – Luzia-Maria Derks und Zoe-Aliha Tosun: dem Gedanken der Wertigkeit. Der Überzeugung, dass alles, was da ist, einen Wert hat. Nicht nur das Neue. Nicht nur das Makellose. Nicht nur das Perfekte. Sondern gerade das, was schon benutzt wurde. Was Spuren trägt. Was vielleicht auf den ersten Blick unscheinbar wirkt oder sogar beschädigt. Dieser Gedanke ist kein schneller Gedanke. Kein Gedanke, der kurz aufleuchtet und gleich wieder verschwindet. Er ist etwas, das festgehalten wird. Das immer wieder angeschaut wird. Das Raum bekommt. Und genau dadurch wird er stark. Vielleicht kennen Sie das aus der Kindheit. Früher hatten Kinder oft nur sehr wenige Spielsachen. Alte Bauklötze. Eine Puppe, die schon geflickt war. Einen Teddy, der nicht mehr perfekt aussah. Dinge, die nicht zusammenpassten und doch alles waren, was da war. Und aus diesem kleinen Fundus entstanden riesige Welten. Immer wieder neu. Immer wieder anders. Immer wieder vertieft. Nicht, weil ständig etwas Neues dazukam, sondern weil man blieb. Weil man hinsah. Weil man sich Zeit nahm. Heute ist das Angebot an allem unfassbar groß. Und dieses Überangebot hetzt uns. Wir benutzen Dinge nur noch kurz. Eigentlich benutzen wir sie nicht einmal – wir annutzen sie. Dann muss schon das Nächste her. Und das Nächste. Und wieder das Nächste. Aus Angst, etwas zu verpassen. Aus Angst, nicht alles gesehen zu haben. Aus Angst vor Mangel – mitten im Überfluss. Und wir machen das nicht nur mit Dingen. Wir machen das auch mit Menschen. Wir sind hier Mitglied, dort Mitglied, begegnen ständig neuen Menschen, verbringen überall ein bisschen Zeit – aber selten genug Zeit. Wir kennen Ausschnitte. Schnipsel. Und am Ende bleiben oft genau das: Schnipsel, die keinen Zusammenhang mehr haben und keinen Wert entfalten können, weil sie zu klein geblieben sind. Vielleicht beschreibt der Titel dieser Ausstellung genau das, was viele von uns gerade empfinden: Zeiten des Unbehagens und der Absurdität. Die Arbeitsweise der beiden Künstlerinnen hier ist das genaue Gegenteil. Sie lassen sich nicht hetzen. Sie greifen nicht ständig nach Neuem. Sie entsagen nicht aus Mangel, sondern aus Entscheidung. Sie bleiben bei dem, was da ist. Bei dem, was schon benutzt wurde. Bei dem, was andere vielleicht übersehen würden. Und sie schauen so lange hin, bis sich zeigt: Da ist noch etwas drin. Da ist viel mehr drin, als man denkt. Luzia-Maria Derks arbeitet mit Materialien, die bereits eine Geschichte haben. Papier, Verpackungen, Dinge mit Spuren. Die eigentliche Arbeit liegt dabei nicht im Finden, sondern im Ordnen, im Sortieren, im Dranbleiben über Jahre hinweg. Zoe-Aliha Tosun sammelt keine Dinge, sondern Eindrücke. Gefühle. Innere Zustände. Sie fügt sie neu zusammen, in Farben, in Gesichtern, in Ausdrücken. Nicht um etwas festzulegen – sondern um etwas sichtbar zu machen. Und damit kommen Sie ins Spiel. Diese Ausstellung versteht sich als eine Zusammenarbeit. Zwischen den Künstlerinnen und Ihnen als Betrachterinnen und Betrachtern. Was Sie sehen, gleicht sich mit dem ab, was Sie erlebt haben. Mit Ihren Erinnerungen. Mit Ihren Gefühlen. Mit Ihrer eigenen Geschichte. Und daraus entsteht – in Ihnen – ein ganz eigenes Werk. Keines, das an der Wand hängt. Sondern eines, das in Ihrem Inneren entsteht. Was immer dabei entsteht, ist richtig. Es gibt kein falsches Sehen. Kein falsches Empfinden. In diesem Sinne sind Sie heute nicht nur Besucherinnen und Besucher. Sie sind Mitgestaltende. Teil eines gemeinsamen Prozesses. Die Künstlerinnen bringen ihre Materialien, ihre Bilder, ihre Gedanken mit. Sie bringen Ihre Wahrnehmung mit. Ihre Erfahrungen. Ihre inneren Bilder. Erst daraus entsteht das Werk – immer wieder neu, immer wieder anders. Deshalb begrüße ich Sie am Ende dieser Rede noch einmal ganz ausdrücklich: als Teil dieses Künstlerteams. Wir brauchen Sie. Ihre Gedanken. Ihre Gefühle. Ihre Geschichte. Ich wünsche uns allen eine gute Zusammenarbeit in dieser Ausstellung.

Heidi Seemann

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Bett

Sprungfedern (Fundstück), Eisengestell, Autostableuchten (8 Watt), Vierfarbendruck

180 x 92 x 19 cm

Gefunden an einer Autobahnraststätte: verrostete Sprungfedern. Zurückgelassen. Ausgedient. Das Innere eines Bettes – freigelegt. Was normalerweise verborgen bleibt, wird sichtbar. Die Konstruktion, die uns trägt. Aus dem Fundstück entsteht ein neuer Ort. Ein Eisenrahmen. Ein Bett ohne Matratze. Ohne Weichheit. Ohne Schutz. Darauf platziert die Künstlerin den Abdruck ihres eigenen Körpers. Die Arbeit bewegt sich zwischen Schutzbedürfnis und Ausgesetztsein, zwischen körperlicher Präsenz und Vergänglichkeit. Nicht als Darstellung von Schönheit. Sondern als Begegnung mit dem eigenen Sein. Doch aus der Tiefe entsteht Licht. Nicht das Makellose beginnt zu leuchten. Sondern das, was Spuren trägt. Was zurückgelassen wurde, erhält eine neue Bedeutung. Zwischen Härte und Zerbrechlichkeit entsteht ein stiller Moment: die Erkenntnis, dass Verletzlichkeit nicht verborgen werden muss, sondern Teil unserer Geschichte ist.
Heidi Seemann

Dreifaltigkeit

Gefundene Zinkbleche, Naturmaterial, Kabelabschnitte

280 x Ø 150 cm

Drei Körper stehen im Raum. Gezeichnet von Zeit. Gezeichnet vom Leben. Einst geschaffen für einen Zweck – nun davon befreit. Was zurückgelassen wurde, verschwindet nicht. Es wartet. Im Innersten entsteht ein Nest. Ein Ort des Schutzes. Ein Ort des Anfangs. Aus Schwere entsteht Geborgenheit. Aus Verfall entsteht Wandlung. Licht tritt ein. Und was verloren schien, beginnt neu zu erzählen.
Heidi Seemann

Blistertor

Medikamentenblister

300 B x 420 H cm

Tausende leere Hüllen. Jede einzelne erzählt von einem Menschen. Von Krankheit. Von Hoffnung. Von Angst. Von dem Wunsch nach Heilung. Zurück bleibt scheinbar nichts. Nur eine leere Form. Doch genau diese Leere beginnt zu sprechen. Aus dem Weggeworfenen entsteht ein Fenster. Aus Verbrauchtem entsteht Licht. Die Hülle, die einst geschützt hat, wird selbst geschützt. Das Unsichtbare wird sichtbar.
Heidi Seemann

4 Türen freistehend

Eisenbleche, Flacheisen, Eisenstangen

335 x 190 cm

Vier schwere Eisenbleche stehen frei im Raum. Einst geschaffen, um zu schützen. Um abzugrenzen. Um etwas zu verschließen. Sie bewachten einen Rohbau vor dem Eindringen von außen. Nun verlieren sie ihre ursprüngliche Aufgabe. Aus der Grenze entsteht ein Durchgang. Aus Verschluss entsteht Öffnung. Inspiriert von der Bewegung einer Lamelle – dem Wechsel zwischen Öffnen und Schließen – entsteht ein Raum der Entscheidung. Was lassen wir hinein? Was halten wir draußen? Die schweren Platten stehen aufrecht. Gehalten von einer zurückhaltenden Konstruktion, die ihnen Stabilität gibt, ohne ihre Wirkung zu bestimmen. Licht findet seinen Weg hindurch. Der Blick wandert zwischen den Flächen. Und was einmal dazu bestimmt war, etwas fernzuhalten, beginnt nun, Begegnung möglich zu machen.
Heidi Seemann

Körperabdruck

Melkfett auf Acrylglasscheibe

Ø 200 cm auf Urinbechern, H 7 cm

Eine fast unsichtbare Grenze. Eine transparente Fläche zwischen Innen und Außen. Zwischen Berührung und Verschwinden. Die Künstlerin nutzt den eigenen Körper als Instrument. Mit Fett eingerieben legt sie sich auf die Acrylglasscheibe und hinterlässt einen Abdruck: eine Spur ihrer Anwesenheit. Wie der flüchtige Moment eines Vogels, der gegen eine Scheibe fliegt. Nur für einen Augenblick sichtbar. Ein Zeichen dafür: Hier war Leben. Hier war Berührung. Hier war ein Körper. Die klare Scheibe scheint leicht. Fast schwerelos. Und doch wird sie getragen von Gegenständen, die an unsere Körperlichkeit erinnern: medizinische Gefäße. Kontrolle. Untersuchung. Vergänglichkeit. Das Licht entscheidet, was sichtbar wird. Was eben noch verschwunden scheint, erscheint wieder. Zwischen Transparenz und Bodenschwere entsteht ein Raum der Stille. Eine Frage bleibt: Was von uns bleibt zurück, wenn wir weitergehen? Unsere Spuren. Unsere Berührungen. Unsere Anwesenheit.
Heidi Seemann

GGHawerkamp 31 e.V., KultURgelände

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